Schöpfung in der Bibel
Das Thema ‚Schöpfung‘ findet sich in vielen biblischen Texten, beginnend mit dem Schöpfungshymnus zu Beginn der Bücher und der Erzählung der Erschaffung der Menschen im Paradiesgarten. Es kommt in Psalmen, prophetischen Texten wie dem Buch Jesaja und in weisheitlichen Texten (Sprichwörter, Ijob, Kohelet) ebenso vor wie in der Botschaft Jesu und in den paulinischen Briefen (Röm 8,22 „die gesamte Schöpfung seufzt“). Schließlich endet die Bibel im Buch der Offenbarung mit der Vision eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ (Off 21,1). Der rote Faden, der die Texte durchzieht, ist weniger die Naturbetrachtung als vielmehr die Themen Befreiung, Gesellschaftskritik und Hoffnung.
Es war gut
Die Erschaffung der Welt in sieben Tagen ist ein Hymnus, der beschreibt, wie Gott durch sein Wort die Welt aus dem Chaos hervortreten lässt, sie ordnet und bewohnbar macht und schließlich einen Ruhetag einführt. Der Mensch – als Teil der Schöpfung männlich und weiblich erschaffen – übernimmt als Ebenbild Gottes die Aufgabe, diese geordnete Welt zu verwalten und bewahren. Und siehe: Es war gut. (Gen 1,31)
Flut und Neuschöpfung
Das biblische Verständnis von Schöpfung geht davon aus, dass die Welt von Gott erschaffen wurde und spricht von ihrer Schönheit und ihrer Perfektion. Doch zu den biblischen Schöpfungserzählungen gehört auch die Erzählung von der Flut, die (fast) alles zerstört und doch zum Sinnbild eines beständigen Neubeginns geworden ist.
Im zweiten Schöpfungstext schafft Gott den Menschen aus dem Erdboden und haucht ihm seinen Atem ein – der Mensch, der Erde und Gott zugehörig und als Mann und Frau mit den gleichen Voraussetzungen in ein Gartenparadies gestellt.
Doch die Menschen wollen mehr: Sie wollen die Welt entdecken und gestalten, sie wollen zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Das ist der Beginn der menschlichen Entwicklung, aber auch der Entfremdung von der Natur.
Mit den neuen Fähigkeiten entwickelt sich eine negative Seite des Menschen, die exemplarisch in der Erzählung von Kain und Abel dargestellt wird. Aus Eifersucht wird Neid, aus Neid wird Hass, aus Hass erwächst Gewalt: Kain erschlägt seinen Bruder. Schließlich werden es die Bosheit und die ausufernde Gewalt der Menschen sein, die Gott veranlasst eine Flut über die Welt zu bringen, die alles vernichten wird: Pflanzen, Tiere, Menschen.
Menschliche Gewalt führt also direkt in den Untergang der Menschheit und mit ihr der ganzen Erde. Die Erde kehrt zurück in den Zustand des ursprünglichen Chaos, aus dem Gott die Welt hervorgeholt hat. Doch Gott schafft auch einen Ausweg: In einer Arche, gebaut von Noach, überleben die Menschheit und alle Lebewesen. Und Gott verspricht: „Nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ (Gen 9,11)
Loblied auf den Schöpfer
Besonders in den Psalmen (z.B. Ps 104), aber auch in den Sprichwörtern oder im Buch Kohelet finden sich viele Texte, die mit Bildern aus der Natur Gott, den Schöpfer, loben. Die Natur wird positiv gesehen. Gott ist es, der alles am Leben hält, aber auch Grenzen setzt (Ps 104,9).
Hoffnungstexte
Die Schöpfungstexte sind in einer Zeit entstanden, in denen das Volk Israel im Exil lebte und eine große Krise seines Selbstverständnisses erlebte. Die grundlegenden Fragen nach dem Woher und das Verhältnis zu seinem Gott wurden neu gestellt. In diese Situation hinein sprechen die Schöpfungstexte der Bibel: Sie sind Visionen von einer besseren Welt, die geprägt sind von einem grundsätzlichen Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. So wie Gott alle Menschen geschaffen hat, so sollen auch alle Menschen teilhaben an dieser Welt, von der Jesus später als „Reich Gottes“ spricht. Erst dann wird es biblisch gesprochen „eine neue Erde und einen neuen Himmel“ (Jes 65,17; Off 21,1) geben oder wie es die Schöpfungserzählungen ausdrücken: das Paradies, den Garten Eden.
Mag. Karin Hintersteiner
Bibelwerk Linz
Lit: Nicht mehr gut?! Schöpfung in der Krise. Bibel und Kirche 1/2021. Hg. Von den Katholischen Bibelwerken in Deutschland, Österreich und der Schweiz